Was ich dir noch sagen wollte


Niemand war im Raum. Kühl fühlte sich alles an. Die Haut, die unbedeckt der Zugluft ausgesetzt, die Hände, die das Plastik und das Metall des Telefons umfassten, es nicht loslassen konnten, die eigentlich gar nichts machen konnten, außer so zu hängen, willenlos, nicht steuer - oder lenkbar, einfach der Gravitation hingegeben, gefüllos, scheinbar blutleer und dennoch schwer, ganz Menschenteil.

Ein unbedeutendes Klingen aus dem Telefon und alles wurde mit einem Schlag anders. Es drehte mein Leben vollkommen um, raubte mir den Atem, stahl mir die Energie, Mensch zu sein, reduzierte mich auf eine biologische Existenz niedrigster Art. Nur das Nicht-in-den-Tod-Abgleiten versuchte ich zu vermeiden, fuhr meine Funktionen auf ein Minimum herab, bis nur mehr das Atmen übrig blieb und der Herzschlag, laut und unregelmäßig. Ich war mir nicht sicher, ob es mir recht war, ihn so intensiv zu hören und zu spüren, so wie die Atmung, die meinen Brustkorb hob und senkte, ohne dass ich viel dazu beitrug. Wie ein nicht beeinflussbarer Mechanismus funktionierte ich, konnte nicht einmal den Herzschlag einstellen: ein Gefühl wie gelähmt.

Noch einmal streiften meine Gedanken um das, was ich vernommen hatte. Sollte ich es glauben oder handelte es sich hier um einen Traum, am Tag erfühlt, und dennoch mit der Skurrilität seines Wesens nicht greifbar, oft nicht deutbar und dennoch Teil von mir, der mich beschäftigte und stets neue Fragen zu meinem Sein aufgab, der niemals ruhte, der Wächter und Aufzeiger meiner seelischen Befindlichkeiten war, ohne Kompromisse, unbestechlich, bedingungslos.

"Wir müssen ihnen mitteilen, dass der Tod gegen 4 Uhr morgens eingetreten ist. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie machen. Es tut uns leid! Dann: Stille der Stimme.

Was war das? Gegen 4 Uhr eingetreten, nichts mehr für sie machen, es täte ihnen leid?

Was denn?

Nein, das war nicht möglich!

Die hatten sich verwählt, wie kommen die auf meine Nummer, Geheimnummern stehen nicht im offiziellen Telefonbuch, und dann noch bei mir anrufen - um diese Zeit!

5 Uhr früh, da ruft doch kein normaler Mensch an, wirklich...

Hatten sie Julia gemeint, hatten sie nicht diesen Namen genannt? Julia gibt es viele, nein, das musste ein Versehen sein...

Und wenn es doch keines war? Ihr Duft lag noch im Zimmer, so als ob sie nur kurz zuvor ins Bad gegangen war, nur für einen Augenblick.

Lange konnte sie noch nicht fort sein. Vor Momenten erst, so schien es mir, war sie in ihr Kleid geschlüpft, hatte sich zärtlich von mir verabschiedet und war gegangen, mit einem Lächeln auf ihren wundervoll geschwungenen Lippen, feminin und herausfordernd noch ein letztes Mal gewunken.

Was ich noch sagen wollte, dafür blieb mir keine Zeit. Wie wichtig sie mir geworden war und wie vertraut. Da war dieses weite Fühlen, der Wunsch nach Endlosigkeit, das Träumen von einer Ewigkeit zu zweit, das ich immer in ihren Augen sehen und in ihren Armen spüren konnte, immer wenn sie in meiner Nähe war, oder wenn ich die Augen schloss, um sie nachzuspüren, um sie in mir aufzuspüren, wenn ich auch schon lange nicht mehr ihren Herzschlag hörte.

Immer konkreter wurde der Gedanke in mir, dass der Anruf doch kein Irrtum war und sie aus irgendeinem undefinierbaren Grund an meine Telfonnummer geraten waren: Und es machte mich unruhig. Dieses Fürchten manifestierte sich in mir und ließ meine Kehle trocken werden, mein Puls begann zu beschleunigen und wie auf ein Kommando öffneten sich alle Poren in meinem Körper und ließen wahre Sturzbäche ausbrechen. In mir wechselten Hitzeströme und Kälteschauer, brachten meinen Kreislauf vollkommen durcheinander und mich in einen Zustand stetig größer werdender Instabilitä¤t. Das Letzte, woran ich mich zu erinnern glaubte, war, dass mir das Telefon aus der Hand fiel und mit einem dumpfen Prall auf dem Parkettboden landete. Ich fiel in einen Zustand gleich einem Traum. Ich glaubte mich auf dem Bett liegen zu sehen, wie wenn ich über mir schweben würde und betrachtete meine Hülle, die nicht einmal zu atmen schien, die Gesichtszüge in sich zusammengefallen, die Augen geschlossen, kein Fühlen, keine Trauer, keine Freude, keine Angst - ich war bewusstlos geworden.

Irgendwann, den Zeitpunkt konnte ich nicht sagen, erwachte ich aus meinem Zustand. Mein Kopf schmerzte und meine Muskeln mussten sich so verkrampft haben, dass mein ganzer Körper wehtat.

Ich versuchte mich zu erinnern, was passiert war, gab mich der Ungeheuerlichkeit meiner Ahnungen hin und trachtete in dieser emotionalen Krise eine oder viele Antworten auf meine Vermutungen zu bekommen, was mit Julia passiert war.

Der Anruf!

Wenn jemand angerufen hatte, sollte die Nummer in meinem Handy noch zu finden sein. Letzter Anruf - ich fand eine mir unbekannte Nummer.

Anrufen, versuchte ich mir vorzusagen, anrufen!

Mein Zeigefinger sträubte sich, wie wenn ihn eine unsichtbare Barriere aufhalten würde. Je mehr ich versuchte, sie zu überwinden, desto mehr zitterte ich, schwitzte ich, begann ich mich zu verkrampfen, bis dieses Hindernis überwunden war. Nun konnte ich meinen Finger auf der grünen Taste landen lassen - das Handy tat, wofür es bestimmt war.

Mein Ohr an den Hörer zu halten, dafür fehlte mir fast der Mut. Mein ganzer Arm bebte und dann, nach endlos langem Läuten, hörte ich die Stimme am andern Ende der Leitung: "Allgemeines Krankenhaus - was kann ich für Sie tun?"

Ich legte auf! Das konnte nicht sein!

Unendlich lange Zeit ließ ich vergehen, ein wiederholendes: "Nimm das Handy und Ruf noch einmal an!" stand mir als Pate in meiner Hilflosigkeit zur Seite und versuchte sein Bestes, bis ich irgendwann meinen Widerstand aufgab und neuerlich anrief. All meine Kraft fasste ich zusammen und erzä,hlte der Stimme am anderen Ende meine Verzweiflung, wurde verbunden und in meiner Befü,rchtung bestätigt; Mitgefühl wurde ausgesprochen.

Man hätte in ihrer Handtasche, so sagten sie mir, kein Portmonnee gefunden, nur ihr Handy, wo meine Nummer als Kurzwahl an erster Stelle stand. Alles hörte sich dumpf an, jede Stimme, die Geräuschkulisse im Hintergrund, auch der L&aunl;rm des anfahrenden Aufzuges in unserem Stiegenhaus war gedämpft, die hohen Töne schienen wie weggefiltert. Alles war unwirklich geworden. Die Welt schien radikal verändert, die Farben blass und abgestumpft, Formen und Kanten hatten an Schärfe verloren und wirkten übergangslos. Fast hatte ich den Eindruck, alles würde zu einem riesigen, gallertartigen Haufen verschmelzen, wo weder Formen noch Richtung der einst so klaren Linien mehr vorhanden waren.

Von Sekunde zu Sekunde legte ich größere Abstände zwischen mir und dem Mann auf der anderen Seite der Leitung, legte nicht auf, sondern entfernte mich in mich, bis ich nicht einmal vernahm, ob er etwas noch sagen wollte, mir noch etwas mitzuteilen hatte.

Dafür erwachten Stimmen in mir, die, ohne irgendetwas miteinander austauschen zu wollen, einfach lossprachen. Erst taten sie es ganz langsam, eher bedähtig, ruhig, ohne Hast, doch dann wurden sie lauter, bestimmter, durchdringender, erbarmungsloser. Sie klangen vorwurfsvoll und fragten, warum ich denn nicht aufpassen konnte, was ich denn getan hätte, dass sie sicher nach Hause gekommen wäre. Es hätte doch so einfach sein können, mit dem Auto wäre es am Schnellsten gegangen, aber ich war ja viel zu bequem geworden und wenn ...

Es gab keine Handhabe gegen diese Angriffe, ich musste sie über mich ergehen lassen, konnte mich nicht dagegen wehren.

Um mich abzulenken, drehte ich den Fernseher auf volle Lautstärke, um alles zu übertönen, was mich versuchte, in den Abgrund zu stürzen.


Lange brauchte es, bis die Stimmen leiser wurden und mich aus ihrer Geiselhaft entließen. Aber ich hatte den Eindruck, dass sie trotz allem ein Mahnmahl in mir schufen, das mich immer wieder zwang, an Julia zu denken und an meine Faulheit, die wie ich nicht zu glauben aufhörte, Schuld an ihrem Tod war.

Würde ich in der Lage sein, sie identifizieren zu können, wie es von mir verlangt wurde, würde ich es verweigern dürfen mit dem Beigeschmack, mich nicht einmal von ihr verabschiedet zu haben?

So ging ich denn, von einem Arzt begleitet, den ewig wirkenden Gang des Spitals entlang und erreichte die letzte Tü: "Prosektur" konnte ich am Tüschild lesen. Hier also sollte ich zum letzten Mal mit ihr zusammentreffen, mich von ihr verabschieden, sie dann nie mehr wiedersehen. Ein unvorstellbarer Gedanke!!!.

Meine Hand zitterte, ich war schweißgebadet, mein Adrenalin schoss, so schien es mir, mit unglaublicher Geschwindigkeit durch meinen Körper. Mit allergrößter Mühe befahl ich meiner Hand das, wogegen sich mein gesamter Körper str&aul;ubte, wogegen sich jeder noch so kleinster Teil zu stemmen versuchte. Der letzte Funke an Hoffnung, dass dies alles nur eine Verwechslung sein konnte, stieg in mir auf. Diesen Wunsch nach Irrtum war es schließich, der mich diese Türe öffnen ließ.

Ich trat ein. Der Raum war Licht durchflutet, Neonleuchten an der Decke, die Wände gesäumt von Fächern, hinter denen ich irgendwo Julia zu sehen bekommen sollte. Ich kam neben ihnen zum Stehen. Meine Puls galoppierte, in meinen Ohren rauschte es, in meinem Kopf dröhnte es so laut, dass ich glaubte, von einem auf den anderen Augenblick zu zerspringen. Ein Klicken und das Fach öffnete sich. Ich blickte wie gebannt auf das, was vor mir passierte und mit einem Schrei - erwachte ich aus diesem Albtraum, komplett verschwitzt, verspannt und grenzenlos verwirrt.





Diese Kurzgeschichte wurde im Jahrbuch 2007 des Mohland Verlages ISBN 978-3-86675-054-8) veröffentlicht.