CALVIERS oder DER LEIDVOLLE WEG

Allgemeines zur Ausstellung
Die Ausstellung befasst sich in seiner Bildersprache mit der Welt der Calvaires (= Kalvarienberg) der Bretagne / Frankreich des 15. bis ins 17. Jahrhunderts. Diese sind Wahrzeichen der Region und wurden während der bretonischen Renaissance (zwischen 1450 und dem 17. Jahrhundert) besonders im Finistèr (Westfrankreich) in eigens geschaffenen umfriedeten Pfarrbezirken geschaffen.

Diese Darstellung des Kalvarienberges umfasst weit mehr als die 14 Stationen, so wie wir sie kennen und es bei uns Tradition ist.
Es sind Skulpturen und/oder Reliefs − also viel mehr 3−D Darstellungen − die vor den Kirchen aufgebaut eine Höhe von mehreren Metern erreichen. Sie erzählen das gesamte Leben Jesu, von der Geburt bis zu seinem Tod am Kreuz − die Qualen des Zweifelns genau so wie die Krippe, die Flucht nach Ägypten, die Fußwaschung, aber auch das letzte Abendmahl − und natürlich die Kreuzwegstationen selbst.
Mancher dieser − zum Teil archaisch anmutenden Figuren − sind schon erheblich verwittert, was sie aber gerade dadurch faszinierend schön macht, und sehr beeindruckend!

Die Linolschnitte von Enriquez de Salamanca dokumentieren die Darstellungen der Calvaires auf seine ganz besondere Art und bieten einen ausschnittsweisen Einblick in ihre Vergangenheit, als die Menschen aus dem Dargestellten für ihr Leben schöpften und sich dieser höheren Macht unterwarfen.





Zu den ausgestellten Bildern / La exposición

Aber es gibt noch eine andere, vielleicht noch wichtigere Perspektive:
Im Spanischen bedeutet der Begriff calvario (= Kalvarienberg) auch Leidensweg oder großes Leid erfahren. Mit dieser Bedeutung soll sich bei der Installation / Ausstellung intensiv auseinandergesetzt werden.

Was bedeutet der Begriff Kalvarienberg für uns und unsere vergangenen und zukünftigen Lebensabschnitte?
Bei der Ausstellung wird mit Texten Bezug auf ganz aktuelle Leidenswege hergestellt, die genauer betrachtet zum großen Teil so alt sind, wie die Menschheit selbst. Da ist Krankheit und Tod, Missbrauch und Vergewaltigung, Mobbing, Demütigung und Depression, Minderwertigkeitsgefühl bis zur Selbstzerstörung, Drogenabhängigkeit, Verrat von Liebe und Freundschaft, Krieg, Flucht, Asyl, Pogrome, Unterdrückung, Gefangenschaft, Folter, Widerstand und Verfolgung aus religiösen Motiven, nur einige zu nennen − und die Meisten und oft Schmerzlichsten sind die, die von Menschen an Menschen begangen werden.

Tagtäglich sind wir − Christen, Andersgläubige, Atheisten und Agnostiker − damit konfrontiert und aufgerufen, die Augen nicht zu verschließen und uns gegen begangenes Unrecht zu stellen oder da zu sein, wenn wir Menschen begegnen, die gerade ihren steinigen Kalvarienberg durchleiden.

Die Kreuze als Träger der Bilder und der Texte
Die Kreuze stehen für das Leiden des Gekreuzigten selbst und für alle, die so wie er hingerichtet wurden und werden. Viele sind diesem Wahnsinn zum Opfer gefallen, ohne sich wirklich schuldig gemacht zu haben. Sie starben dafür, weil sie sich für ihre Überzeugung einsetzten, taten, was ihnen wichtig und für sie richtig war.
Aber auch "kultivierte Gesellschaften" kennen selbst für die wegen eines Gewaltverbrechens Verurteilten keine würdige Antwort auf deren Verfehlungen und morden von Staats wegen.

Die Kreuze und die Rahmen
Ihre leichte Bauweise steht für die Zerbrechlichkeit unseres Lebens.
Im Gedanken eines Augenblicks, im Hauch eines Lidschlags kann es sich so verändern, dass wir Mitten in einem reißenden Strom stehen und sich für uns ein Leidensweg eröffnet, welcher uns dermaßen überrascht, dass wir aus der Bahn geworfen, nur sehr schwer oder auch gar nicht mehr wegkommen.
Wir stranden dort, wo uns niemand mehr erreicht.

Die Tankas
Tankas sind eine reimlose japanische Gedichtform die mindestens 1.300 Jahre alt ist. Bei uns kennt man Haikus, die sich erst Jahrhunderte später daraus entwickelt haben.

Tankas bestehen aus 5 Zeilen mit jeweils 5 − 7 − 5 − 7 − und 7 Silben. Diese starke Beschränkung führt dazu, dass man genau abwägen muss, was man sagt und vor allem wann. Ausufernde Möglichkeiten machen das Schreiben von Gedichten nicht einfacher, auch wenn man denkt, aus dem Vollen zu schöpfen wäre das Maß aller Dinge.

Die Nägel
mit denen die Tankas montiert sind, sollen die Nägel versinnbildlichen, die verwendet werden, um Menschen ans Kreuz zu nageln, die sich nicht einordnen wollen, die abgelehnt werden, die man nicht in der Nähe haben will - und die damit auf einen schmerzvollen Kalvarienberg geschickt werden.

Bei allem was wir denken, tun oder glauben richtig zu machen, stellen wir uns immer wieder die Fragen:
Woher kommen wir?           Wohin gehen wir?           Was ist der Sinn des Lebens ?

Selten fragen wir:
Wer sind wir?           Was haben wir bisher getan?           Was haben wir verstanden?