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Bahnhöfe haben für mich seit Urzeiten eine Faszination. Vielleicht ist das es ein Relikt aus meiner Kindheit, wo ich als kleiner
Junge die Sehnsucht hatte, diese riesigen Maschinen zu bewundern, die mit unglaublichem Getöse und in ihrer ganzen Pracht sich auf
und davon machten: Ich war damals noch ein Knabe und ersehnte mit riesigen Augen ihr Kommen. Dabei endete mein Staunen nie und ein
gutes Stück davon ist mir bis heute erhalten geblieben. Jedem Fortgehen
schickte ich den Wunsch nach, hier wieder stehen zu dürfen und das, sobald wie möglich. Der Südbahnhof war mir so etwas wie Heimat. Nichts
an seiner Größe empfand ich bedrohlich, dieser Ort war faszinierend, alles war mir schlichtweg
vertraut. Ich bewegte mich dort so, als ob ich seit meiner Geburt diesen Ort niemals verlassen hätte.
Neben den technischen Dingen und Einrichtungen, Schalter und Geschäften hatten es mir die Menschen angetan,
die sich an diesem Ort aufhielten. Ob sie sich hier ihren Arbeitsplatz aufhielten, gerade
dabei waren, sich von einem Zug an ihr gewünschtes Ziel bringen zu lassen oder diesen Ort als ihr
Zuhause betrachteten, hier schliefen, aßen, aufs Klo gingen, sie alle faszinierten mich und
ließen meine Fantasie weite Reisen machen. Dies war kein gewöhnlicher Platz, nichts war hier so, wie an anderen. Mir kam vor,
dass alle Menschen die hier ein und ausgingen zu einer einzigen großen Gemeinschaft gehörten,
beinahe wagte ich dafür den Begriff Familie zu verwenden. Aus einer
Notwendigkeit heraus erfand ich damals ein Spiel, das ich heute noch in Abwandlung spiele - damals funktionierte es so:
     Ich stellte mich einfach irgendwohin oder setzte mich auf eine der lehnenlosen Bänke und erspähte jedes Mal ein
neues Opfer, das ich mit meinen Augen und meinen Gedanken verfolgte, genau wissend, was für ein Schicksal dieser mir vollkommen fremde
Mensch hatte. Sein Leben wurde von mir, wie man heute sagen würde – wie eine Festplatte formatiert – er bekam eine völlig neue Identität.
Nur ein einziger Augenblick, ein im Augenwinkel
fokussiertes Etwas genügte und in mir lief „sein Leben“ ab. Ich glaubte nicht nur alles genau zu kennen. Ich wusste alles ganz
genau - jeden Schritt, jede Traurigkeit, jede Freude, jeden Schmerz. Alles, schlicht alles, war mir bekannt, vertraut, machte
mich fröhlich oder traurig, ließ mich Anteil haben an seinem Leben und dieser oder diese wurden Teil meines Lebens, machten mich zum
Mitwisser. Ein Kopfschütteln vielleicht, ein Bedauern, ein Erfreut-Sein – so wurde ich Komplize ihres Lebens.
Doch eine Gruppe von Menschen war von meinen Fantasien so gut wie ausgenommen. Die sah ich immer nur am
Sonntag, wenn meine Familie mit mir in den Schweizer-Garten ging, der sich neben dem Südbahnhof befand und noch heute Spielplatz
und Tummelplatz für allerlei „normale“ aber auch dubios anmutende Menschen ist.
Am Sonntag standen immer Männer in Gruppen in der Ankunftshalle, waren gut gekleidet und schienen einander zu kennen.
Sie unterhielten sich angeregt. Dieser Teil des Bahnhofs ist heute
noch reisengroß, aber als Junge kam er mir unendlich weit vor und an diesem Tag wurde
es dort eng, so viele Menschen standen zusammen. Niemals sah ich unter ihnen eine Frau und das erstaunte und verwunderte mich zu
gleichen Teilen.
Ich war ein sehr interessiertes Kind, meine Mutter hatte viel damit zu tun, meine Fragen zu
beantworten, und da ich viel mit ihr unterwegs war, war sie ganz schön beschäftigt.
Natürlich hatte ich in dem Alter keine Erklärung
parat, warum solch eine Ansammlung von Menschen am Südbahnhof
unter der Woche nicht anzutreffen war.
Meine Mutter klärte mich über die Identität dieser Männer auf und erzählte mir - einem Lebensgeschichtensammler -
etwas, das mich damals verwunderte, faszinierte, mich aber auch traurig stimmte.
Sie sagte, es seihen „Gastarbeiter“, sie kämen aus Jugoslawien oder aus der Türkei und träfen einander immer nur
am Sonntag. Sie hätten nur diesen einen Tag. Unter der Woche wären sie in ihrer Arbeit und hätten keine Zeit hierher zu kommen.
Auch am Abend nach Dienstschluss wäre es schon zu spät, also bliebe nur der Sonntag. Auf meine Frage, warum denn gerade dieser
Platz für sie als Treffpunkt wichtig wäre und nicht ein großer Park oder ein großer Platz, sagte sie mir: sie kommen wegen der
Sehnsucht hierher. Das verstand ich überhaupt nicht!
"Die Sehnsucht nach Zuhause", sagte sie "bringt sie hierher. Wenn sie hier stehen und sich unterhalten,
scherzen, über ihre Familien erzählen, die Last der Arbeit besprechen und was für Ziele sie verfolgen, wissen sie sich immer in der
Nähe einer Reisemöglichkeit – ob mit dem Zug oder mit einem Bus, hier hatten sie das Gefühl, immer einsteigen zu können, ihr heimatloses
Leben hier hinter sich zu lassen und wieder „nach Hause“ zu fahren.
Lange habe ich über diese Erklärung nachdenken müssen, zumal sie mir aus persönlicher Sicht sehr nahe ging. Meine
Mutter, selbst Spanierin, war auch nicht hier geboren worden und so fragte ich sie, ob sie für ihr Land genauso empfand,
wie die Menschen, die sich hier sonntags am Bahnhof trafen.
Sie erklärte mir, dass es bei ihr anders wäre. Sie hatte sich entschieden,
hier eine Familie zu gründen mit mir, meinem Vater und meinen zwei Schwestern und ihr Leben hier zu führen.
Ob sie denn keine Sehnsucht verspürte, nach dem Spanien, das sie freiwillig hinter sich gelassen hatte?
"Ja, Sehnsucht hat man immer",sagte sie mir, "wenn man nicht dort sein kann, wo das Herz schlägt." Aber: Hier hatte sie etwas, was
zu einem Teil von ihr geworden war - die Familie, die Stadt, unsere Kultur und vor allem die Musik, die sie so berührte und heute
noch wichtiger Energieträger in ihrem Leben ist.
In langen Gesprächen habe ich von ihr spüren gelernt, was in Menschen vorgeht, die aus ihrem Land fortgehen.
Sie hat mir immer gesagt: "Menschen verlassen ihre Heimat nur dann, wenn es ihnen schlecht geht oder um eine Familie zu gründen. Die Wurzeln sitzen
so tief, dass es beinahe unmöglich ist, sie auszureißen ohne sie zu beschädigen." (Der wunderschön blühende Kirschenbaum in unserem
urwüchsigen Garten in Kritzendorf an der Donau, half mir das zu begreifen.)
Ich versuchte mir vorzustellen, was passieren würde, wenn ich diesen Baum ausreißen würde,
um ihn irgendwo wieder einzupflanzen: ein Ding der Unmöglichkeit! Nie mehr, so wusste ich, würde er dann wieder so wunderschön blähen,
wie er es jedes Jahr tat.
Wenn die Menschen als Gastarbeiter hierherkommen, sagte meine Mutter,"haben sie ein Bild von diesem
Land in sich gezeichnet, weil sie es nur aus Erzählungen kennen. Sie haben irgendwann mit Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern
gesprochen, die entweder schon hier waren, immer noch hier leben oder die nur zu Besuch nach Hause fahren.
Letztere bringen Geschenke mit nach Hause oder unterstützen mit Geld die Familie. Damit erschienen sie den dort Verbliebenen
wohlhabend oder reich, fühlen sich im Wissen um paradiesische Zustände im anderen Land bestigt - ihr Sehnen nach Wohlstand, vielleicht
sogar Reichtum wächst mit jedem ihrer Besuche.
Die andere Seite, die welche die daheim verbliebenen Menschen nicht sehen können, von der aber auch niemand spricht, sind die Umstände,
wie sie Leben müssen. Jede schwere Arbeit, die von den Menschen hier nicht gemacht werden will, wird von einem Gastarbeiter erledigt.
Ob es die Zeitungsverkäufer sind, die stundenlang auf der Straße aushalten müssen
oder die Männer auf den Baustellen, die auf Mauern stehen und unter ihren Füßen die Ziegel weg schlagen, ungesichert, jederzeit
absturzgefährdet bei jedem Wetter oder zu jeder Jahreszeit, für einen Lohn, für den kein Österreicher arbeiten würde. Für diese und
andere schweren Arbeiten, sagte mir meine Mutter, brauche man die Gastarbeiter, die Österreicher seien sich zu schade dafür.
Aber das wäre das Opfer, das sie für ihre Familien bringen mussten.
Auf das zu verzichten, was ihnen am Wichtigsten war, weil sie es für diese Menschen taten, die sie am meisten liebten. Ein paar Jahre,
dann hätten sie genug gespart, ein eigenes Geschäft aufzumachen und wieder zu Hause zu leben.
Ich war beeindruckt von dem was mir meine Mutter erzählte und versuchte mir gleichzeitig vorzustellen, wie das wäre,
wenn es meinen Vater betreffen würde und wie groß die Sehnsucht dann wäre, ihn bei mir haben zu wollen und es nicht zu können.
In mir wuchs die Hochachtung vor diesen Menschen. Sie, die sich opferten, die sich gegenseitig in ihrem Sehen bestätigten
und die dort standen, um ein wenig dem Wind der Heimat nachzusehnen.
Sie wurden zu meinen Herzensfreunden, denen stets ein Lächeln galt und heute noch gilt, wenn ich sie sah oder von ihnen hörte –
und ich hoffte, dass einer meiner Träume sie erreichte und sie ein wenig näher zu ihren Familien brachte.
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